Aktuelles aus der Arche Zürich

Der Bogen wird nicht überspannt.

Geschrieben von Marianne Burgener | 09.11.2023

Einmal pro Woche werden die Bogen gespannt und Äpfel auf eine Mistgabel gesteckt. Warum äusserste Konzentration und Fokussierung auf ein Ziel für Klient:innen der Arche Therapie Bülach nicht nur Spass machen, sondern auch wichtig sind, erklärt der Sozialarbeiter Ben Suter, der das Bogenschiessen begleitet. 


Beim Bogenschiessen finden Menschen Entspannung, Ruhe und Gelassenheit; sich auf sich selbst zu fokussieren steht im Zentrum. Anderes, was sonst beschäftigt, tritt in den Hintergrund. Der Bewegungsablauf vom Spannen des Bogens bis hin zum Loslassen des Pfeils schult die Selbstwahrnehmung. 
 

Den Weg zur Arche Therapie Bülach fand der Sport im vergangenen Juli auf Anregung eines Klienten aus einer IV-Integrationsmassnahme, selbst ein begeisterter Bogenschütze. Seither trifft sich Ben Suter als Leiter des Angebots mit zwei, drei, manchmal auch mehr Teilnehmenden auf der Wiese hinter der Scheune, steckt drei Äpfel auf eine Mistgabel, definiert die Abschusslinie und bereitet die Sportgeräte vor. «Wenn wir Glück mit dem Wetter haben, können wir uns bis Ende Oktober, Anfang November hier treffen, dann wird es wohl eine Winterpause geben», schätzt Ben Suter die verbleibende Zeit ein. «Die Winterpause werde ich nutzen, mir Gedanken zu machen, wie wir noch mehr Klient:innen motivieren können, ob wir das Angebot optimieren und ausbauen oder ob wir sogar jemanden für die Leitung begeistern können.» Als Idee erzählt der Sozialarbeiter von einer Ausbildung, die Klient:innen befähigen könnte, das Bogenschiessen unter Berücksichtigung der Sicherheitsvorschriften selbst durchzuführen; eine gute Möglichkeit, das Selbstvertrauen zu stärken. Zur Sicherheit müssen Grundsatzregeln befolgt werden, so darf niemand weiter vorne stehen als der:die Schütz:in und Pfeile werden erst zurückgeholt, wenn alle verschossen sind. 

Den therapeutischen Aspekt sieht Ben Suter, der auf eine langjährige Erfahrung in der Bewährungshilfe und im Justizvollzug zurückblickt, im gemeinsamen Ausüben der Tätigkeit: «Es entstehen wertvolle Gespräche untereinander sowie mit der anwesenden Betreuungsperson, das schafft eine Verbindung; viel einfacher als beispielsweise in einem Besprechungszimmer. Sobald wir mit den Bewohnenden in eine Aktion treten, sei dies auf einem Spaziergang mit den Eseln, während der Kunsttherapie oder in Zusammenarbeit mit eine:r Arbeitsagog:in, ergibt sich ein anderer Austausch. Die Tätigkeit ist fast nebensächlich, sie wird zum Vehikel.» 

Das Ziel zu treffen, steigert das Selbstverstrauen 

Ein weiterer Vorteil dieses Angebots sind die relativ günstigen Anschaffungskosten. Um diese noch besser im Griff zu haben, hat Ben Suter das Ziel, das ursprünglich ins freie Feld platziert wurde, hinter das offene Scheunentor verlegt, wo Strohballen gestapelt sind. Vor diesen bringt er eine Gummimatte und die Mistgabel mit Fallobst an, auf die gezielt werden muss. Nach bester «Wilhelm-Tell-Manier» – der Pfeil soll den Apfel durchbohren.  

Mit dem Umzug des Ziels entfällt das mühsame Zusammensuchen oder der Verlust der daneben geschossenen Pfeile im Umland, was das Portemonnaie schont – 10 Franken kostet ein Pfeil. Ben Suter erklärt, dass manchmal das doch eher schwierig zu treffende Ziel im Verlaufe des Trainings gegen ein grösseres ausgetauscht wird; mit einem positiven Effekt: «Wer den Apfel nur knapp verfehlt hat, trifft ein grösseres Ziel sicher, das steigert Spass und Selbstvertrauen.» 

An diesem Abend melden sich zwei Personen auf der Wiese. Zuerst wird unter einigem Kraftaufwand die Sehne in den Bogen gespannt – ganz Gentlemen übernehmen das Ben Suter und Lars*. Ben Suter verschiesst seine drei Pfeile – alle drei zu hoch. Dann ist Melanie* an der Reihe, sie verfehlt ebenfalls die Frucht. Lars tastet sich langsam zum Apfel vor, die ersten beiden gehen knapp daneben, der dritte sitzt! 

* Namen zum Schutz der Privatsphäre geändert