Aktuelles aus der Arche Zürich

Zwischen Existenzminimum und Dauerstress

Geschrieben von Marianne Burgener | 02.02.2026

Unser Land belegt Platz vier im Ranking der reichsten Länder der Erde. Trotz des hohen Pro-Kopf-Einkommens und reicher Bevölkerung gibt es auch «die Anderen». Menschen, die jeden Rappen umdrehen müssen. Bei denen oft schon Anfang Monat «Ende Geld» ist. Wie lebt es sich im finanziellen Dauerstress?

Bea Rüegg, Teamleiterin und Sozialarbeiterin FH der Arche Beratung soziale Integration, erfährt in den Beratungsgesprächen mit Klient:innen immer wieder von prekären Situationen, die normalerweise kaum Bestandteil der öffentlichen Wahrnehmung sind. Sie erzählt, dass die Menschen nicht primär aus finanzieller Not um Unterstützung fragen. «Wir sind eine Beratungsstelle für Menschen mit psychischen, sozialen oder suchtbedingten Problemen. Natürlich hängen diese Schwierigkeiten oft mit Geldsorgen zusammen.» Armut in der Schweiz sei eine Tatsache, trotz unseres gut ausgebauten Sozialhilfesystems. Zudem sei Armut immer im Kontext zu betrachten: «Es kommt drauf an, welches Leben das Umfeld führt. Können sich alle rundherum einen Kaffee oder einen Restaurantbesuch leisten, dann ist derjenige, der das nicht kann, arm.» Wer in solchen Momenten mit seinen Freunden und Kollegen nicht mithalten kann, verstrickt sich vielfach in Ausreden und Lügen und wird nach und nach von der sozialen Teilhabe ausgeschlossen.

Die Folgen von Armut und ihre Treiber
Wer nicht an der Gesellschaft teilhat, vereinsamt und schämt sich für seine Lebenslage. «Wer so lebt, befindet sich im permanenten Stress. Ständig dem Geld hinterherzurennen und sich zu fragen, wie man das Ende des Monats irgendwie erreicht, ist purer Druck, der krank macht.» Die Sozialarbeiterin erklärt, dass vor allem Frauen stark armutsgefährdet sind: «Einige erleben häusliche Gewalt und stehen irgendwann vor der ‹Entscheidung›, ob sie weiterhin bei einem gewalttätigen Partner bleiben oder das Risiko eingehen, in die Armut abzurutschen. Frauen mit Migrationshintergrund sind zusätzlich armutsgefährdet, und Geflüchtete sind auf die tiefe Nothilfe angewiesen.» Auch Menschen ohne Papiere – sie alle seien stark von Geldnot betroffen. Sichtbar werde das an Essensausgabestellen, wo sich lange Schlangen bildeten. «Das sind nicht einfach Leute, die faul sind. Sich dort einzureihen, braucht Überwindung, viele schämen sich.»

Der Gang zum Sozialamt kostet Überwindung
Bea Rüegg erklärt, wie die Fallarbeit in der Beratung soziale Integration abläuft. Zuerst werde die individuelle Problemstellung mit dem:der Klient:in angeschaut, um die Situation zu verstehen. Dabei folge auch die Frage nach der finanziellen Lage, und nicht selten zeige sich, dass ein erheblicher Teil der sozialen Belastungen auf monetären Sorgen gründe. «Dann schauen wir mit der Person, welche Unterstützungsmöglichkeiten sie bereits ausschöpft und ob noch weitere Leistungen wie Sozialhilfe, Zusatzleistungen oder andere in Anspruch genommen werden können. Für viele kostet der Gang aufs Sozialamt grosse Überwindung. Diese Unterstützung – so richtig und wichtig sie auch ist – bedeutet Abhängigkeit und einen gewissen Autonomieverlust. In der sozialen Arbeit geht es darum, die individuelle Problematik in einem gesellschaftlichen und somit sozialen Kontext zu verorten und somit als soziales Problem zu verstehen.»

Unter dem Existenzminimum trotz langen Arbeitstagen
Personen, die auf Sozialleistungen verzichten (müssen), müssen sich durchs Leben schlagen. Viele mit verschiedenen Teilzeit- oder Mini-Jobs, was unter dem Strich vielleicht knapp gelingt und eine Zeit lang funktioniert. Höchstens aber nur so lange nichts Unvorhergesehenes passiert wie Krankheit, eine Kündigung oder eine Zahnarztrechnung.

Bea Rüegg erwähnt in diesem Zusammenhang die Politik, die längst reagieren und der Carearbeit einen anderen Stellenwert einräumen müsse: «Hausarbeit, Pflegearbeit von Eltern oder Kindern – alles Gratisarbeit oder schlecht bezahlte Arbeit, meist ausgeführt von Frauen.» Dieser Arbeit müsse eine höhere Gewichtung beigemessen – sprich, sie fair entlöhnt werden. In unserem System sei die Lohnarbeit überproportional gewichtet und untrennbar mit der Existenzsicherung verbunden. Es würde sich lohnen, darüber nachzudenken, Lohnarbeit und Existenzsicherung zu entkoppeln und anstatt dessen über eine bedingungslose Existenzsicherung nachzudenken. «Wir sollten aufhören, Arbeit gegeneinander auszuspielen und zu bewerten.» Es gäbe viele, die trotz Vollpensum zu wenig verdienten, um sich einen würdigen Alltag zu gestalten – andere bekämen für viel weniger Stunden im Vergleich zu viel Einkommen. Diese Schere sei falsch und gefährlich. 

Weniger Scham
«Am allermeisten wünschen sich armutsbetroffene Menschen Ruhe. Sie wünschen sich Ruhe vor dem Stress. Ruhe vor der Angst, den Briefkasten zu öffnen.» Angst, dass sich eine weitere Rechnung oder Mahnung darin befinden könne, sei ein Teufelskreis. Es sei schwierig zu sagen, ob jemand die Post aufgrund einer Erkrankung nicht mehr öffne oder erkrankt sei, weil er:sie die Post geöffnet habe. Für die Betroffenen sei es einerlei und spiele in dieser Situation keine Rolle mehr.

Zudem wünschen sie sich Teilhabe an der Gesellschaft, Teilhabe am öffentlichen Leben; heisst, aktiv und selbstbestimmt am kulturellen, politischen, sozialen Geschehen teilnehmen und dieses mitgestalten. Ein Restaurant- oder ein Konzertbesuch ist nicht für alle selbstverständlich. Sie möchten ehrlich sagen können: «Ich kann mir das nicht leisten», ohne schief angeschaut zu werden. In unserem Alltag begegnen wir Armen nicht selten mit Vorwürfen, selbst schuld zu sein. Die Meinung, wer arbeiten wolle, der könne dies auch und habe dann genug Geld, ist weitverbreitet. Auch die Vorstellung, dass es in der Schweiz keine Armut gebe, bekämen ihre Klient:innen oft zu hören, berichten die Mitarbeitenden der Beratung soziale Integration. Dabei seien nicht wenige, die in den Gesprächen von mehreren Reinigungsjobs oder einem Vollpensum als Friseurin, bei einem Kurierdienst oder in der Pflege berichten. Bei mehreren Anstellungen legten sie oft Wege mit dem öffentlichen Verkehr zurück, was kostenintensiv sei und so schon wieder das Einkommen schmälere. «So ein Leben kann permanenten Stress und Isolation bedeuten.»

Ein VBZ-Abo als Schritt zu mehr Bewegungsfreiheit
Die Beratungsstelle sieht in viele schwierige Lebenssituationen und hört viele verzweifelte Geschichten. Gezielte Unterstützung und gelungene Intervention können oft Entlastung für die Betroffenen bringen. Die Mitarbeitenden der Arche beraten die Klient:innen im Umgang mit Ämtern, helfen ihnen, ihre Rechte wahrzunehmen, und unterstützen sie dabei, wieder mehr Handlungssicherheit im eigenen Leben zu gewinnen.

Zum Abschluss erzählt Bea Rüegg von einer Frau, die sie schon länger begleitet. «Sie musste sich überwinden, uns detailliert Einblick in ihre Administration zu gewähren. Sie lebte stets am Existenzminimum mit ihrer halben IV-Rente, geringer Zusatzleistung sowie wirtschaftlicher Sozialhilfe. In der Zwischenzeit hat sich ihre finanzielle Situation etwas verbessert. Nun haben wir gemeinsam ein Budget erstellt und die Schuldensanierung in Angriff genommen. Kürzlich habe ich sie aufs Büro der SBB begleitet, wo sie sich ein Halbtaxabo und ein Monatsabo gekauft hat. Nun hat sie einen Swisspass, den sie zeigen kann. Das Schalterpersonal hat sie sehr freundlich und respektvoll behandelt, eine schöne Erfahrung.»

Für Normalverdienende eine banale Sache. Für jemanden, der sich den öffentlichen Verkehr früher nicht leisten konnte, ein wichtiger Schritt in ein selbstbestimmtes und würdiges Leben.