Verantwortung übernehmen und daran wachsen
Von der Assistentin zur Co-Leiterin: Michelle Bosshard erzählt, wie sie in den vergangenen sechs Jahren immermehr Verantwortung übernommen hat – und dabei über sich hinausgewachsen ist.
Michelle Bosshard – von der Assistentin zur Co-Leiterin des Arche Wohnen
Du hast vor über sechs Jahren als Assistentin der Betriebsleitung des Arche Wohnen angefangen. Erinnerst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag und was hat dich damals an der Arche gereizt?
«Dass ich zur Arche Zürich gefunden habe, war Zufall – Altstetten war so gar nicht ‹mein Gebiet›. Das Inserat war mir allerdings wie auf den Leib geschnitten. Ich habe mich gemeldet und bekam die Stelle. An meinen ersten Arbeitstag erinnere ich mich noch gut: Wegen Corona war alles auf Distanz, eine richtige Begrüssung war unmöglich. Als kleines Highlight lag ein Schoggistängeli auf meinem Schreibtisch – das hat mich richtig gefreut. Die Geschäftsstelle war ziemlich verlassen, es war wie in einem Geisterhaus... Wegen der Vorschriften war ein Rundgang durch die verschiedenen Wohnhäuser nicht erlaubt. So lernte ich weder meine Arbeitskolleg:innen noch die Bewohnenden persönlich kennen.»
Von der Assistentin wurdest du alleinige Interimsleiterin und nun Co-Leiterin. Wie hast du die verschiedenen Rollen erlebt?
«Die ersten Jahre verlief meine Arbeit ohne ungeplante Umbrüche, meine Rolle war klar und etabliert. Dann wurde ich zur stellvertretenden Betriebsleiterin befördert und – überraschend und sozusagen über Nacht – zur alleinigen Interimsleiterin. Dass ich plötzlich so viel Verantwortung trug und selbstständig entscheiden durfte, kam nicht sofort in meinem Kopf an. Die Geschäftsleitung hat mir viel Vertrauen entgegengebracht, was mich gefreut und angespornt hat. Die Zeit als Assistentin hat mir gut gefallen: Ich bekam Einblick in jeden Bereich, wichtige Entscheide konnte ich an meine Chefin weiterleiten – das war bequem. Unversehens war ich dann selbst an ihrer Stelle, aber ohne Unterstützung. Das war bisweilen überfordernd, schliesslich musste ich neben den neuen auch meine bisherigen Aufgaben bewältigen. Ich wollte allen und allem gerecht werden, musste lernen zu delegieren und Dinge zurückzustellen– was mir nicht entsprach; zum Glück sind mir alle Mitarbeitenden während dieser Zeit mit Nachsicht begegnet und alle haben ihren Teil zur Überbrückung beigetragen. Dafür bin ich sehr dankbar. Seit Kurzem teile ich die Verantwortung mit meinem Co-Leiter Lucas Haldenwang. In der Anfangszeit bedeutet das zusätzlichen Einarbeitungsaufwand, aber bald wird er mich entlasten. Ich schätze den Austausch mit meinem neuen Sparringpartner schon jetzt und freue mich darauf, dass künftig alles auf zwei Schultern verteilt ist. Wir sind bereits ein super Team; ich fühle mich in meiner neuen Funktion als Co-Leiterin pudelwohl!»
Wie hat sich der Umgang der Mitarbeitenden und Bewohnenden mit dir verändert, seit du mehr Verantwortung übernommen hast?
«Die Bewohnenden nehmen mich nicht anders wahr. Ich bin und war einfach Michelle – egal, welche Funktion ich innehatte und habe. Dasselbe gilt für die Mitarbeitenden. Man kennt mich seit über sechs Jahren und ich habe mich im Umgang nicht verändert. Ich hatte und habe nie Mühe, Fehler einzugestehen. Respekt und Vertrauen entstehen für mich durch Kompetenz und einen ehrlichen Führungsstil.»
Was war während deiner Zeit in der Arche deine grösste Herausforderung?
«Als ich die Interimsleitung übernahm, war in einem der Wohnhäuser eine Teamleitung, die erst seit Kurzem da war und sich noch einspielen musste. Gleichzeitig gab es Diskussionen um die Neuorganisation des Bereitschaftsdienstes, die viel Redebedarf mit sich brachte. Die Entscheidung für eine Lösung musste ich treffen – und damit war nicht jede:r glücklich. Mittlerweile sind wir diesbezüglich auf einem guten Weg.»
Du hast in dieser Zeit sehr viel Verantwortung übernommen. Immer zu deiner Freude oder war die Situation auch mal belastend?
«Es gab keine echte Übergabe oder Einarbeitungsphase – die zusätzliche Verantwortung hat mich manchmal überfordert. Plötzlich sah ich mich mit Budget fragen, Personalthemen, dem Austausch mit Behörden und vielem mehr konfrontiert. Das alles war gleichzeitig Motivation, Freude, Belastung und eine schöne Herausforderung.»
Was macht dir an deiner heutigen Aufgabe besonders Freude?
«Der spannende und abwechslungsreiche Aufgabenmix, die Führungsverantwortung und das Vertrauen der Gesamtleitung. Ich schätze auch den Kontakt mit den Teams in den Wohnhäusern und die Begegnungen mit Mitarbeitenden aus anderen Betrieben, etwa dem Arche Brockenhaus oder dem Arche Bistro. Und ich schätze die Zusammenarbeit mit meinem neuen Co-Leiter sehr.»
Hat dich etwas besonders berührt?
«Eine Mitarbeiterin aus einem der Wohnhäuser hat mich angerufen und gesagt, sie wolle mir einfach einmal Danke sagen: ‹Für alles, was du für uns tust!› Dann meinte sie noch, sie fände es cool, dass ich die Co-Leitung übernommen habe – und legte wieder auf. Das kam völlig unerwartet und hat mich berührt. Eine andere Mitarbeiterin sagte mir, dass sie sich untermeiner Leitung sehr gut aufgehoben fühle. Solche Rückmeldungen sind wertvoll und geben mir viel.»
Wenn du auf deinen Weg von der Assistentin zur Co-Leiterin zurückblickst: Was hast du über dich selbst gelernt?
«Ich hatte grosse Zweifel, ob ich das überhaupt kann, ob ich der Aufgabe als Co-Leiterin gewachsen bin. Ich habe gelernt, mir selbst zu vertrauen und zu meiner Meinung zu stehen.Und ich habe gemerkt, wie resilient ich bin. Ich war schon immer belastbar, aber die letzten Monate und Erfahrungen haben mich darin noch einmal gestärkt.»