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Konfliktbewältigungsstrategien steigern die Tragfähigkeit im Krisenfall

Konflikte und Krisen gehören zum Leben; sie müssen ausgesprochen und bewältigt werden, um das zwischenmenschliche Klima nicht zu vergiften. Ein beliebtes Konfliktfeld sind Beziehungen und Wohngemeinschaften. Besonders gefordert sind Gemeinschaften, in denen die verschiedenen Partner sich nicht gegenseitig «aussuchen», sondern unfreiwillig zusammenwohnen.              

Beispielsweise die Klient:innen in der Arche Therapie Bülach, die mit ihren ganz unterschiedlichen Biografien einen gemeinsamen Abschnitt ihres Lebens miteinander verbringen. 

2023-3_BÜ_Interview

Vom Betreuungsteam ist viel Fingerspitzengefühl und Gespür gefordert, um im Sinne der Prävention schon erste Anzeichen von Reibungsflächen zu erkennen und rechtzeitig das Gespräch mit den Beteiligten zu suchen. Marion Aeschbacher, Case Managerin und sozialtherapeutische Leitung, erzählt, dass die Ämtliverteilung am meisten zu Streitereien führt: «Vielleicht haben einige das Gefühl, sie müssten mehr erledigen als andere oder die Arbeit nicht so ausgeführt werde, wie sie es gerne hätten.» Personen, die zuverlässig mitmachten und sich aktiv einbrächten, hätten in der Klienten:innengruppe selten Probleme und würden gemeinhin von allen akzeptiert. «Wer sich sozial engagiert, mehr übernimmt oder vielleicht einmal einen Kuchen bäckt, wird kaum angegriffen.» Eine schlimme Verletzung der Gemeinschaft sei es hingegen, wenn der Kochdienst nicht angetreten werde, «dann wird der:die Betreffende von den Mit-Klient:innen ‹abgestraft›. Dieses ‹Vergehen›  wieder hinzubiegen und den Goodwill der Gruppe wieder zu erlangen, wird schwierig», schildert Aeschbacher. «Oftmals kommen Menschen, die eigenen Normen folgen, den Pflichten nicht nach; sie stellen ihre Bedürfnisse vor jene der anderen, was auf grosses Unverständnis stösst.» So wird die Hierarchie in der Gruppe vor allem durch das persönliche Engagement festgelegt und nicht durch die Geschichte, die jede:r in die Arche Therapie Bülach mitbringt.

Schwierig wird es, wenn der Unruhepol in der Gruppe auftritt
Die Fachfrau benennt zwei Unruhepole, die auftreten. Zum einen seien das Personen, die sich nicht in die Gruppe einfügen könnten und damit Reibereien verursachen würden. «Das ist für uns die schwierigere Situation.» Dann gebe es jene, die in ständige Opposition zum Betreuerteam gehen würden, der Konflikt sei dann auf einer anderen Beziehungsebene und einfacher zu handhaben. Sie betont, wie filigran das Zusammenleben der Klient:innen untereinander ist: «Die grossen Dynamiken, die hier herrschen, dürfen nicht unterschätzt werden. Diese Menschen leben Tag und Nacht zusammen, sie können abends nicht nach Hause fahren und sich ausklinken. Konflikte können lange unterschwellig brodeln und sich aufbauen, bis sie aus einem scheinbar nichtigen Anlass ausbrechen.» In solchen Fällen intervenieren die Betreuer:innen auf verschiedene Weise. In einem Eins-zu-eins-Gespräch zwischen der verursachenden und der Bezugsperson oder mit dem gesamten Betreuungsteam wird besprochen, warum es zum Vorfall kam. Wichtig sei der Austausch und dass auch der:die Konfliktverursacher:in angehört werde, sagt Aeschbacher.
Die zweite Form der Intervention ist das  Gespräch in der Gruppe. Dabei wird versucht, die einzelnen Mitglieder zu animieren, Konflikte offen zu benennen. Das sei sehr schwierig, denn «gerade Suchtkranke haben oft die Eigenschaft, von sich abzulenken und einen Schuldigen für eigene Fehler zu suchen». Die Bezugsperson setzt sich bei dieser Intervention mit dem:der Konfliktverursacher:in und den Gruppenmitgliedern zusammen, um die Situation im Plenum zu klären. «Die Betreuungsperson übernimmt im Gespräch eine Moderationsfunktion. Sie unterstützt aktiv und versucht, die richtigen Worte zu finden, die vom Gegenüber angenommen werden.»
Solche Gespräche müssten mit viel Feingefühl angesetzt und geführt werden; in einer aufgeheizten Stimmung seien sie zum Vornherein zum Scheitern verurteilt.

In der Gruppe gelöste Konflikte sind nachhaltig gelöst
Konfliktlösungen, die durch Gespräche in der Gruppe herbeigeführt werden, sind viel nachhaltiger als solche aus einem Eins-zu-eins-Gespräch. In der Gruppe hört man einander zu, es ist einfacher, Empathie zu entwickeln und Gefühle zu zeigen. «Wenn sich jemand plötzlich öffnet, der sonst eher in sich gekehrt ist, ist die Veränderung spürbar und nachhaltig. Das verändert die Gruppe.» Dies seien Entwicklungen, die vom Team zwar angestossen, aber nicht gefordert werden könnten, erklärt die Fachperson weiter. Diese Prozesse seien stark von der Zusammensetzung der Gemeinschaft abhängig, manchmal laufe es fast von allein, manchmal brauche es mehr Inputs seitens Betreuung. 

Abgelehnt wird in der Arche Therapie Bülach niemand, auch dann nicht, wenn er:sie immer wieder Schwierigkeiten verursacht. Das Team verfolgt den Ansatz , dass diese negative  Eigenschaft Teil des Problems dieser Person ist und somit in den Lösungsprozess mit einfliesst. Aeschbacher: «Nur wo Reibung ist, entsteht Lernen – für uns, aber auch für die Klient:innen. Verlassen sie nach einem oder zwei Jahren die Arche wieder, verlassen sie die geschützte Bubble. Umso wichtiger ist es, dass sie Konflikte austragen und unangenehme Situationen meistern können.» 


Erprobte Tragfähigkeit im Krisenfall
«Gewalt wird bei uns in keiner Form toleriert», bekräftigt Marion Aeschbacher.  Natürlich sei es schwierig, verbale Gewalt zu verhindern. Wenn die Emotionen hoch gingen, falle schon der eine oder anderer Kraftausdruck, das sei kaum zu vermeiden. Im Nachhinein würden aber auch solche Ausbrüche mit den Betreffenden thematisiert und mögliche Bewältigungsstrategien besprochen. Solche Strategien zu entwickeln und anzunehmen, setze eine gewisse Bereitschaft  voraus, die nicht bei allen vorhanden sei. «Wenn jemand sich der Gruppe stellen muss, der mit Kritik nicht oder nur schlecht umgehen kann, wird es schwierig. Dann müssen wir vom Team Unterstützung leisten.» Besonders Personen, die aufgrund einer Justiz-Vollzugsmassnahme in Bülach seien, und den Nutzen ihres Aufenthalts nur bedingt anerkennen, stellten immer wieder eine Herausforderung für alle dar. Trotzdem, sich gegen die ganze Gemeinschaft zu stellen, sei auch für Menschen im Justizvollzug unangenehm. «Sie haben sich zwar ein solches Verhalten antrainiert, aber dahinter steckt immer eine Ursache. Unser Ziel ist es, herauszufinden, welche das ist.»
Die Arbeit mit den Klient:innen, ihren Werten und Geschichten ist für das Betreuungsteam eine spannende tägliche Herausforderung. Zwischen «interessiert mich nicht» bis zu «wir sind eine Gruppe» sind alle Vorstellungen des Zusammenlebens vorhanden; ein immerwährender Nährboden für Konflikte, an denen die Tragfähigkeit der Arche Therapie Bülach in Krisenfällen wächst.