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Mitsprache und Selbstbestimmung werden konkret

Selbstbestimmung zeigt sich nicht in grossen Konzepten, sondern im Alltag. Im SEBE Forum wird sie konkret verhandelt. Hier wird deutlich, wie anspruchsvoll der Ausgleich zwischen Mitwirkung, Verantwortung und Schutz ist.

Alle zwei Monate trifft sich das Selbstbestimmungs-Forum (SEBE Forum) unter der Leitung von Michelle Bosshard, Co-Betriebsleiterin Arche Wohnen, zur gemeinsamen Sitzung. Am Tisch Mitarbeitende der Arche Wohnhäuser und Bewohnende. «Seit es das Forum gibt, schwingt ‹Selbstbestimmung› immer mit. Wir reden viel darüber und manchmal gibt es auch kritische Stimmen», erzählt Manuel Ryffel, Sozialarbeiter FH im Wohnhaus Wollishofen. Für das Team sei der stete Austausch ein eigentlicher «Reality Check», weil mit den Bewohnenden gesprochen werde und nicht über sie. Dem pflichten Toni* und Oskar* bei: «Wenn wir Wünsche und Ideen haben, können wir diese einbringen. Die Teilnahme im Forum ist wichtig, auch wenn es anstrengend ist.»

SEBE-Forum-Wohnen

Geplante Veranstaltung zum Thema Einsamkeit
Als nächstes informiert Martin Haug, externe Fachperson für Gleichstellung und Inklusion, über den Stand der geplanten Veranstaltung zum Thema «Einsamkeit», die noch im laufenden Jahr stattfinden wird. «Einsamkeit betrifft uns alle – jede und jeder hat schon Erfahrungen damit gemacht. Drei Betroffene werden erzählen, und gemeinsam soll über Wege aus dem Alleinsein diskutiert werden.»
Der Experte berichtet von erschütternden Lebensgeschichten, aber auch von Erfolgen, die durch Mitbestimmung möglich wurden. «Wer Verantwortung übernehmen kann, hat Struktur und eine Aufgabe. Das stärkt Selbstwert und Selbstvertrauen.» Auch Angebote des Arche Wohnen für Ausflüge und gemeinsame Unternehmungen könnten mögliche Wege sein. Dabei stellt sich immer die Frage der Selbstbestimmung. Wie Oskar es formuliert: «Man sollte die Kolleg:innen anstupsen, dass sie mitmachen, aber es darf niemand gezwungen werden.» Herauszufinden, wo die Interessen der Bewohnenden liegen, funktioniert aus der Sicht von Martin Haug am besten über Eigeninitiative.

Einsamkeit-SEBE
Den eigenen Briefkasten auf Probe
Über die Zuteilung der Briefkästen im Wohnhaus Wollishofen wird seit Längerem diskutiert. An dieser Sitzung wird eine Lösung gefunden: Wer möchte, erhält seinen persönlichen Briefkasten – vorerst auf Probe. Michelle Bosshard kündigt an, eine Nutzungsvereinbarung auszuarbeiten, in der Rechte und Pflichten geregelt werden: «Die Post muss seitens Bewohner:innen geöffnet, Fristen eingehalten und transparent kommuniziert werden. Wir als Betreuungspersonen verpflichten uns, jederzeit zu unterstützen.» Ein eigener Briefkasten fördere die Eigenverantwortung, ist sie überzeugt. Die Einigung wird von allen beklatscht – ein langwieriges Anliegen ist damit abgeschlossen.

Wollishofen-Briefkasten

Zwischen Freiheit und Schutz: Die Frage nach Alkohol
Am Ende der Sitzung steht die Frage im Raum, ob an Apéros oder Feiertagen in den Wohnhäusern künftig moderat Alkohol erlaubt werden soll. Ein Glas Prosecco zum Anstossen ist von einigen gewünscht, andere fühlen sich dadurch getriggert – eine Herausforderung für alle Beteiligten. Ein generelles Verbot hält die Co-Betriebsleiterin für wenig sinnvoll. Stattdessen plädiert sie dafür, die Regeln jeweils vor einem Anlass im Plenum zu besprechen. Dem widerspricht die Teamleiterin Pia Slamanig des Wohnhauses Hohlstrasse: Sie bevorzugt klare, einheitliche Regeln. «Vor jedem Anlass eine Diskussion zu führen, raubt viel Energie. Als Institution wissen wir, dass Alkohol nicht harmlos ist – im Rahmen der Fürsorgepflicht stellen sich für mich gewisse Fragen.» Auch unter den Bewohnenden ist die Haltung unterschiedlich: Viele finden, dass es nicht notwendig sei, etwa am Osterbrunch mit Alkohol anzustossen. Martin Haug empfiehlt einen pragmatischen Umgang: Ein offenes Konzept, das angepasst und bei Bedarf verschärft werden kann. Oskar bringt es auf den Punkt: «Selbstbestimmung und Selbstverantwortung gehören doch einfach zusammen.» 
Die «Alkoholfrage» dürfte die Gruppe noch mehrmals beschäftigen – bis sich eine Lösung zwischen Selbstbestimmung und Fürsorgepflicht herauskristallisiert.