Zwei Stunden, die den Unterschied machen
Zweieinhalb Wochen vor dem Abstimmungstermin vom 8. März 2026 fand im grossen Sitzungszimmer an der Geschäftsstelle erstmals eine besondere Veranstaltung statt: Klient:innen der Arche Zürich kamen zusammen, um am ersten Abstimmungsworkshop teilzunehmen.
«Wir kamen mit dem ungeöffneten Abstimmungscouvert zur Veranstaltung und knapp zwei Stunden später waren die Unterlagen ausgefüllt und das Couvert war bereit zum Abschicken», erzählt Oliver Müller, der am ersten Abstimmungsworkshop der Arche Zürich teilgenommen hat, spürbar begeistert und auch ein bisschen stolz. Zwar hat Oliver auch in Vergangenheit schon an Abstimmungen teilgenommen, der Nachmittag war für ihn aber dennoch sehr aufschluss- und lehrreich. «Oftmals ist es für mich unklar, ob man jetzt <Ja> oder <Nein> hinschreiben soll, auch wenn man zu einem Thema eigentlich bereits eine Meinung hat», berichtet er. Damit spricht er eine Problematik an, die nicht nur Menschen in schwierigeren Lebensumständen beschäftigt.
Tatsächlich ist dies auch für Manuela Ringli - Initiantin des Workshops und Sozialarbeiterin bei der Arche Beratung soziale Integration - eine Beobachtung, die sie aus ihrem privaten Umfeld kennt. Dieser Umstand brachte sie auf den Gedanken, gemeinsam über aktuelle politische Themen und das Schweizer Politiksystem zu sprechen. Vor rund vier Jahren lancierte sie deshalb im Freundeskreis ein ähnliches Format: In entspannter Runde tauschte man sich über aktuelle Abstimmungen aus und diskutierte miteinander. Diese «Abstimmungskaffeekränzchen» führten dazu, dass Manuela Ringli selbst immer mehr über Politik und das System lernte. Aus diesen positiven Erfahrungen entstand schliesslich die Idee, ein solches Angebot auch mit Klient:innen umzusetzen.
Ein niederschwelliges Angebot
Im vergangenen Dezember entwickelte Manuela Ringli das Konzept für den Abstimmungsworkshop. Das Projekt stiess auf Interesse und wurde rasch umgesetzt. «In knapp zwei Stunden eine vertiefte oder gar abschliessende Einführung ins Schweizer Politiksystem zu geben, ist nicht machbar - und war auch nie das Ziel», sagt sie im Gespräch. «Als wir die Einladung unter unseren Klient:innen verbreitet haben, wussten wir nicht, ob überhaupt Interesse besteht. Deshalb haben wir sie bewusst niederschwellig formuliert.» Auf dem Flyer steht gross: «Möchtest du mehr über aktuelle Abstimmungen erfahren?» - verbunden mit dem Hinweis, dass keine Vorkenntnisse nötig sind. Ziel der Initiative ist es, Hürden abzubauen, Hemmungen zu nehmen und Orientierung zu geben. So ging es in den zwei Stunden zwar immer auch wieder um grundlegende Fragen, im Zentrum standen jedoch die aktuellen Vorlagen, etwa die Halbierungs- oder die Bargeldinitiative
Manuela Ringli achtete in der Vorbereitung und Durchführung bewusst darauf, keine eigenen politischen Ansichten zu vermitteln. Stattdessen sollten die Teilnehmenden bei ihrer individuellen Meinungsbildung unterstützt werden. Es ging nicht darum, Meinungen zu beeinflussen, sondern darum, die Teilnehmenden zu befähigen, ihre eigene Haltung auszudrücken.
Teilhabe als Schlüssel zur Selbstbestimmung
Partizipation und Selbstbestimmung unserer Klient:innen sind zentrale Anliegen der Arche Zürich. Auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben haben viele Menschen, die bei uns Unterstützung finden, zahlreiche Hürden zu überwinden. Häufig sind sie aufgrund ihrer Suchtmittelabhängigkeit und/oder anderen psychischen Erkrankung von Stigmatisierung und Marginalisierung betroffen. Unser Ziel ist es, ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben entsprechend ihren individuellen Möglichkeiten wieder zu ermöglichen
Abstimmen und Wählen setzen jedoch ein gewisses Vorwissen voraus: Man muss sich informieren und wissen, wie die Unterlagen korrekt ausgefüllt werden, damit sie gültig sind. Da politische Partizipation für Menschen in prekären Lebenssituationen besonders herausfordernd ist, setzt das neue Angebot der Abstimmungsworkshops genau hier an und ergänzt das bestehende Angebot der Arche Beratung soziale Integration sinnvoll.
Mit Unterstützung zum Ziel
Neben Oliver nahm auch sein WG-Gspänli Lucia Leber am Workshop teil. «Manuela hat uns sehr gut erklärt, wie das mit dem Abstimmen funktioniert», erzählt sie nach der Veranstaltung. Und sie fügt hinzu: «Ich hätte das allein nicht hinbekommen.» Dank dieser Unterstützung konnte auch Lucia die Unterlagen korrekt ausfüllen. Im Gespräch berichtet sie, dass sie im März als 41-jährige Frau zum ersten Mal in ihrem Leben an einer behördlichen Abstimmung teilgenommen hat. Da scheint also definitiv etwas funktioniert zu haben.
Die Abstimmungsworkshops werden 2026 vor allen Abstimmungsterminen angeboten. Bleibt das Interesse bestehen, stehen die Chancen gut, dass das Format längerfristig weitergeführt wird. Oliver und Lucia jedenfalls werden wieder teilnehmen und sie haben sich vorgenommen, auch weitere Mitbewohnende dafür zu motivieren.
